Seit 1991 findet am 1. Oktober der Internationale Tag der älteren Menschen statt – ein Aktionstag, der das Älterwerden stärker ins gesellschaftliche Bewusstsein rücken soll. Der Dachverband Lesben und Alter nutzte diesen Tag als Anlass, um auf die Lebenssituation älterer Lesben aufmerksam zu machen.
Der bundesweit aktive Verband, der die Lebensrealitäten dieser Personengruppe sichtbar machen und sich für ihre Interessen einsetzen will, hat dazu eine Reihe von Forderungen an Politik und Gesellschaft formuliert. Im Zentrum stehen dabei die Bereiche Wohnen, Rente, Pflege und Gesundheit. Mit Blick auf die aktuellen Haushaltsdebatten warnt der Verband zudem davor, dass Einsparungen die ohnehin schon prekäre Situation älterer Lesben weiter verschärfen könnten.
Der Verband verweist auf die Mehrfachbelastungen, denen viele ältere Lesben im Laufe ihres Lebens ausgesetzt waren. Dazu gehören Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und ihres Geschlechts sowie Erwerbsverläufe, die häufig von schlecht bezahlten Teilzeitstellen geprägt waren. Lebensleistungen wie etwa der ehrenamtliche Aufbau von Vereinen und Netzwerken, von denen auch die heutige Zivilgesellschaft profitiert, bleiben bei der Rentenberechnung unberücksichtigt.
„Das deutsche Rentensystem ist patriarchal und kam schon immer verheirateten Männern zugute“, kritisiert Reingard Wagner, Vorständin des Dachverbands. Das System sei auf verheiratete, zusammenlebende Paare ausgerichtet – eine Lebensrealität, die nicht auf alle Menschen zutreffe. Gleichgeschlechtliche Paare konnten erst seit 2001 eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, die der Ehe zunächst rechtlich nicht vollständig gleichgestellt war. Erst im Oktober 2017 wurde die „Ehe für alle“ eingeführt. Wagner fordert deshalb, neben der Generationengerechtigkeit auch vergangene Lebensleistungen stärker zu berücksichtigen: „Unbezahlte Arbeit für die Gesellschaft muss berücksichtigt werden – egal, ob Kinder erzogen, Pflegebedürftige gepflegt oder eine feministische NGO aufgebaut wurde.“
Auch in den Bereichen Wohnen und Pflege fehlt es nach Einschätzung des Verbands häufig an Sensibilität. Es sei nicht hinnehmbar, dass Paare, die seit Jahrzehnten zusammenleben, in betreuten Wohneinrichtungen wie gute Freundinnen statt wie Partnerinnen behandelt werden.
Die Forderungen des Dachverbands stützen sich auf eine bundesweite Erhebung zur sozialen Lebenssituation von Lesben ab 55 Jahren sowie auf einen Bericht der europäischen Dachorganisation EL*C, der inzwischen in deutscher Sprache vorliegt.
Anknüpfend an frühere Appelle zielen die konkreten Forderungen vor allem auf Verbesserungen in drei Bereichen ab: Im Bereich Wohnen sollen lesbische und queere Wohnprojekte sowie gemeinschaftliche und generationenübergreifende Wohnformen gefördert und der soziale Wohnungsbau ausgebaut werden. Im Bereich der finanziellen Absicherung fordert der Verband ein nicht patriarchal geprägtes Rentensystem, fair bezahlte Vollzeitstellen, Schutz vor Altersdiskriminierung und die Anerkennung der Lebensleistungen älterer Lesben. In der Pflege und Altenhilfe werden verpflichtende Schulungen für Fachkräfte sowie zertifizierte Einrichtungen mit Diversitätskompetenz gefordert.
