Am Abend des 18. Oktober 2026 kam es im queeren Zentrum „Casa Kuà“ in Berlin-Kreuzberg zu einer Durchsuchung durch die Polizei. Auslöser sollen anonyme Anzeigen gegen das Zentrum gewesen sein. Am Montagmorgen teilte die Polizei mit, dass der Verdacht des illegalen Handels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten bestehe. Es seien Medikamente, Betäubungsmittel, Datenträger und Bargeld im vierstelligen Bereich sichergestellt worden.
Das 2020 gegründete Casa Kuà ist ein queeres Zentrum mit dem Schwerpunkt auf der Gesundheitsversorgung von trans*, inter* und nicht-binären Personen. Das von trans* und nicht-binären BIPoC (Schwarzen, Indigenen und People of Color) geleitete Zentrum versteht sich als Raum für Gemeinschaft und Gesundheit und legt dabei besonderen Wert auf Intersektionalität und die damit verbundenen unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen im deutschen Gesundheitssystem. Es verfolgt einen ganzheitlichen Gesundheitsansatz, der beispielsweise auch die gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Menschen berücksichtigt.
Es bietet unter anderem Community-Gruppentreffen an, darunter das jeden Sonntag stattfindende Treffen „THE DOLLS“ für transfeminine Personen. Hinzu kommen eine kleine queerfeministische Bibliothek, Workshops und Veranstaltungen. Außerdem bietet das Zentrum Beratungen durch qualifizierte Ärzt*innen zu medizinischen Fragen an, darunter auch zur sogenannten „DIY-Therapie“ mit Hormonen. Dabei nehmen Personen selbst beschaffte Hormone ein, ohne wie sonst üblich ärztlich betreut zu werden. Gerade in Großstädten wie Berlin kann es schwierig sein, einen Behandlungsplatz für eine reguläre Hormonersatztherapie zu bekommen.
Während der Durchsuchung sollen 38 Polizeibeamt*innen das Zentrum betreten haben, in dem gerade ein Workshop von „THE DOLLS“ zum Thema „DIY & Cryptocurrency“ stattfand. Dort sollten Teilnehmende lernen, wie sie mithilfe von Kryptowährungen Hormone im Internet erwerben können. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti e. V.) kritisiert das Vorgehen der Polizei in einer Stellungnahme scharf und fordert Verhältnismäßigkeit. Auch in der taz wurde die Durchsuchung als „transfeindliche Aktion“ bezeichnet.
Die Durchsuchung hat eine Debatte über die Gesundheitsversorgung von trans*, inter* und nicht-binären Personen ausgelöst. Während DIY-Therapien erhebliche gesundheitliche Risiken bergen, da unter anderem die Dosierung und die Blutwerte nicht ärztlich überwacht werden, stellen sie für manche Menschen den einzigen Zugang zu einer für sie notwendigen Hormontherapie dar. Trans*, inter* und nicht-binäre Personen, die aufgrund bestimmter Körpermerkmale unter Geschlechtsdysphorie leiden, müssen häufig lange Wartezeiten in Kauf nehmen und haben unter Umständen keinen Zugang zu einer bezahlbaren, regulär begleiteten Therapie.
Alfonso Pantisano (SPD), der Queerbeauftragte Berlins, sagte dem rbb24: „Für viele Menschen ist der Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung immer noch mit Demütigungen, Ungewissheit, Ablehnung und bürokratischen Hürden verbunden. Ohne eine diskriminierungsfreie Gesundheitsversorgung für trans* und intergeschlechtliche Menschen drängen wir diese, wie im Falle von ‚Casa Kuà‘, in eine informelle und vielleicht sogar in eine gesetzlich nicht erlaubte Versorgung mit Medikamenten, vor allem auch mit lebensnotwendigen Hormonen.“
