Echte Vielfalt

Lebensbereiche

Bereits im Herbst letzten Jahres setzte Lübeck ein deutliches Zeichen für Gleichstellung und Vielfalt: Die Bürgerschaft der Hansestadt beschloss am 25. September 2025 den 2. Lübecker Aktionsplan Gleichstellung | Queer 2025 – 2028. Er ist der direkte Beitrag der Stadt zur Umsetzung verbindlicher Gleichstellungsziele auf kommunaler Ebene und baut auf dem ersten Aktionsplan von 2022 – 2024 auf.

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Grundlage des neuen Aktionsplans ist die „Europäische Charta für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf lokaler Ebene“, der sich die Stadt Lübeck angeschlossen hat. Diese Charta ist ein europaweit anerkanntes Rahmenwerk für kommunale Gleichstellungsarbeit und fordert, Gleichstellung umfassend zu denken und in allen Lebensbereichen wirkungsvoll zu verankern.

In ihrem aktualisierten Text bekräftigt die Charta unter anderem

  • die Verpflichtung zu konkreten Maßnahmen statt nur symbolischer Bekenntnisse,
  • die Notwendigkeit, Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung und geschlechtlicher Vielfalt aktiv zu bekämpfen
  • sowie eine inklusive Perspektive, in der alle Menschen – unabhängig von Geschlechtsidentität oder Beziehungsform – gleichermaßen berücksichtigt werden.

Schwerpunkte des 2. Aktionsplans

Der Aktionsplan 2025 – 2028 fasst 63 Maßnahmen zusammen, die in sieben Handlungsfelder gegliedert sind. Eines davon ist das neue Handlungsfeld VII: „Queeres Lübeck“, das mit zwölf spezifischen Maßnahmen die Sichtbarkeit, Teilhabe und Unterstützung von queeren Menschen in der Stadtgesellschaft stärken soll.

Die weiteren Handlungsfelder umfassen Themen wie:

  • Parität und Beteiligung,
  • den Abbau von Geschlechterstereotypen,
  • existenzsichernde Arbeit,
  • die geschlechtergerechte Verteilung von Ressourcen,
  • und die Balance verschiedener Lebensbereiche sowie strukturelle Gleichstellungsfragen.

Stadtverwaltung, zivilgesellschaftliche Initiativen, Vereine und Einzelpersonen haben sich in breit angelegten Beteiligungsformaten eingebracht – ein Zeichen dafür, dass Gleichstellungsarbeit in Lübeck als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird.

Auftaktveranstaltung im März 2026

Ein weiterer wichtiger Schritt für die Umsetzung des neuen Plans ist die öffentliche Auftaktveranstaltung, zu der alle Interessierten eingeladen sind:

Mittwoch, 11. März 2026, 16:00 – 20:00 Uhr
Aula der Volkshochschule Lübeck, Falkenplatz 2

Bei dieser Veranstaltung stehen Information, Austausch und Vernetzung im Mittelpunkt. Sie bietet Raum für Gespräche zu den geplanten Maßnahmen des Aktionsplans und für die Frage, wie die gemeinsame Umsetzung aktiv gestaltet werden kann.

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Vielfalt ist Realität in jedem Klassenzimmer. Unterschiedliche familiäre Hintergründe, Religionen, kulturelle Prägungen und ebenso unterschiedliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten. Wenn Schulen ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag gerecht werden wollen, müssen sie diese Vielfalt nicht nur dulden, sondern aktiv gestalten.

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Queere Schüler*innen erleben nach wie vor überdurchschnittlich häufig Diskriminierung, Ausgrenzung oder Mobbing. Studien (z.B. der European Union Agency for Fundamental Rights, 2024) zeigen, dass fehlende Sichtbarkeit und mangelnde Sensibilität im schulischen Umfeld negative Auswirkungen auf psychische Gesundheit, Lernmotivation und Bildungsbiografien haben können. Eine inklusive Schulkultur ist deshalb keine Zusatzaufgabe, sondern Teil professioneller Schulentwicklung.

Vor diesem Hintergrund hat die SPD-Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag einen Antrag in den Landtag eingebracht, der sich mit der Stärkung queerer Vielfalt und dem Schutz vor Diskriminierung im schulischen Kontext befasst. Im Kern geht es darum, bestehende Maßnahmen weiterzuentwickeln, Sensibilität strukturell zu verankern und Schulen in ihrer Verantwortung für ein diskriminierungsfreies Lernumfeld zu unterstützen. Der Antrag ist damit Ausdruck einer breiteren gesellschaftlichen Debatte – im Mittelpunkt steht jedoch das Thema selbst: Wie gelingt es, Vielfalt verbindlich in schulische Praxis zu übersetzen?

Es gibt bereits bewährte Ansätze, auf die sich zurückgreifen lässt:

1. Verlässliche Ansprechpersonen und Schutzkonzepte: Schulen können feste Vertrauenslehrkräfte oder Diversity-Beauftragte benennen, die für Fragen rund um sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität qualifiziert sind. Ergänzend wirken klar formulierte Antidiskriminierungsleitlinien, die explizit LSBTIQ*-Feindlichkeit benennen. Solche Schutzkonzepte orientieren sich häufig an Empfehlungen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die betont, dass Diskriminierungsschutz institutionell verankert sein muss – nicht nur situativ reagierend.

2. Selbstgewählter Name und Pronomen im Schulalltag: Ein niedrigschwelliger, aber wirkungsvoller Schritt ist die konsequente Nutzung des selbstgewählten Namens und der gewünschten Pronomen. Auch wenn Personenstandsänderungen noch nicht abgeschlossen sind, signalisiert diese Praxis Anerkennung. Schulinterne Handreichungen können Lehrkräften Sicherheit im Umgang mit datenschutzrechtlichen Fragen geben und Missverständnisse vermeiden.

3. Unterrichtliche Verankerung: Queere Lebensrealitäten lassen sich in verschiedenen Fächern thematisieren: Im Deutschunterricht über Literatur, im Geschichtsunterricht über Emanzipationsbewegungen, im Biologieunterricht differenziert und wissenschaftlich fundiert. Wichtig ist dabei eine sachliche, altersangemessene und stereotypfreie Darstellung. Das Deutsches Jugendinstitut weist darauf hin, dass Sichtbarkeit im Lehrplan signifikant zur Reduktion von Vorurteilen beitragen kann.

4. Kooperation mit externen Trägern: Workshops mit queeren Bildungsinitiativen oder Projekttage zu Vielfalt und Demokratiebildung schaffen Raum für Fragen, die im regulären Unterricht oft zu kurz kommen. Hier profitieren Schulen von Kooperationen mit regionalen Netzwerken und Landesprogrammen. In Schleswig-Holstein unterstützt das Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein Programme zur Stärkung von Akzeptanz und Diversität im Bildungsbereich, z.B. SCHLAU Schleswig-Holstein, ein landesweite Netzwerk lokaler SCHLAU Gruppen mit einem breiten Angebot an Bildungs-, Aufklärungs- und Antidiskriminierungsworkshops zu geschlechtlicher, sexueller und romantischer Vielfalt für Schulen, Sportvereine, Jugendzentren und andere Jugendeinrichtungen.

Queere Vielfalt in Schulen ist kein Randthema und keine ideologische Zusatzdebatte. Es geht um Bildungsqualität, Chancengerechtigkeit und den Schutz junger Menschen. Politische Initiativen wie der Antrag der SPD-Fraktion machen deutlich, dass dieses Thema auch auf Landesebene als strukturrelevant verstanden wird – entscheidend bleibt jedoch die konkrete Umsetzung im schulischen Alltag.

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Queeres Dating bedeutet für viele Menschen Freiheit: die Möglichkeit, jenseits heteronormativer Erwartungen Kontakte zu knüpfen, Sexualität offen zu leben und Gemeinschaft in der eigenen Community zu finden. Doch genau dieser geschützte Raum wird zunehmend zum Angriffspunkt gezielter Gewalt.

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Wie das Magazin Schwulissimo bereits vor über einem Jahr berichtete, nutzen Täter*innen Dating-Apps systematisch, um queere Menschen in Hinterhalte zu locken und sie dann zu überfallen, zu verletzen und auszurauben. Der vermeintlich oder ehemals sichere community-nahe Raum verliert seinen geschützten Charakter. Die Taten folgen häufig einem ähnlichen Muster: Über Dating-Apps wird Kontakt aufgebaut, Sympathie erzeugt und ein Treffen vereinbart. Vor Ort kommt es dann zu Überfällen.

Gerade schwule oder bisexuelle Männer* bewegen sich häufiger in anonymen öffentlichen Räumen, etwa in Parks oder Seitenstraßen, auch weil sie nicht geoutet sind oder Diskretion suchen. Diese Umstände werden von Tätergruppen gezielt ausgenutzt. Angriffe finden jedoch auch in den eigenen Wohnräumen der Opfer statt.

Was zurückbleibt, sind Erfahrungen, die das Leben der Betroffenen tiefgreifend prägen. Viele entwickeln Ängste und Panik, ziehen sich zurück und beenden ihr offenes Dating- und Sexleben. Die gerade erlangte Freiheit, sich offen sexuell ausleben zu können, wird durch Gewalt und Angst erneut eingeschränkt. Hinzu kommt mangelndes Verständnis für die Opfer – innerhalb wie außerhalb der Community. Nicht selten kommt es zu Täter-Opfer-Umkehr, indem Betroffenen „Leichtsinn“ unterstellt wird.

Plattformen wie Grindr, die auf geosozialer Interaktion basieren, können diese Dynamiken begünstigen. Profile werden auf Grundlage des geografischen Standorts angezeigt, spontane Begegnungen werden gefördert. Frühere Sicherheitslücken, bei denen sogar Personen ohne eigenes Profil auf Standortdaten zugreifen konnten, zeigen, wie solche Funktionen gezielte Angriffe erleichtern können.

Konkrete Zahlen zu queerfeindlichen Taten sind schwer zu benennen, da viele Übergriffe nicht angezeigt werden. Gründe sind fehlendes Outing, Angst vor respektlosem Verhalten durch Behörden oder Scham, weil das Treffen als sexuelles Date geplant war. Zudem erschwert die häufige Anonymität der Profile die Ermittlungen.

Gleichzeitig spiegeln sich steigende queerfeindliche Gewaltformen in den Zahlen politisch motivierter Kriminalität wider. Für 2024 wurden im Unterthemenfeld „sexuelle Orientierung“ 1.765 Straftaten (+18 %) registriert, im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität“ 1.152 Fälle (+35 %).

Eine Vielzahl dokumentierter Fälle aus verschiedenen Städten zeigt, dass sich Gewalttaten im Zusammenhang mit Dating-Apps häufen (der LSVD+ dokumentiert die Taten hier). Nur bei wenigen dieser Taten konnte innerhalb eines Strafprozesses Homophobie oder Queerfeindlichkeit als Tatmotiv festgestellt werden, was auch mit der schwierigen Identifizierung der Täter zusammenhängt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass viele dieser Übergriffe von queerfeindlichen Einstellungen begleitet werden.

Gewalt im Kontext queeren Datings ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck wachsender gesellschaftlicher und struktureller Queerfeindlichkeit. Sichere Räume – auch digitale – zu verteidigen, bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zugleich braucht es einen Ausbau der Prävention, konsequente Strafverfolgung und solidarische Unterstützung für Betroffene.

Wo und wie können Betroffene Hilfe suchen?

Bei akuter Gefahr gilt: 112 oder 110.
Nach einem Vorfall sollten medizinische Versorgung gesichert, Beweise dokumentiert und – auch anonym möglich! – Anzeige erstattet werden. Auch Beratungsstellen bieten Unterstützung, zum Beispiel:

  • Weißer Ring – Allgemeine Opferhilfe (bundesweit)
  • LSVD+ (Lesben- und Schwulenverband Deutschland) – Beratung und Dokumentation queerfeindlicher Gewalt
  • Maneo (Berlin) – Gewaltprävention und Opferhilfe für schwule/bisexuelle Männer
  • L-Support – Lesbisch-queeres Anti-Gewaltprojekt mit Beratung für FLINTA*
  • Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen – 116 016 (24/7, anonym)
  • Polizei-Ansprechstellen für LGBTQI+ – in vielen Bundesländern vorhanden

Präventionsmöglichkeiten

Vor dem Date können Video-Calls oder Social-Media-Abgleiche zur Verifizierung beitragen. Freund:innen sollten über Ort und Zeit informiert werden.
Beim Treffen empfiehlt sich ein öffentlicher Ort für das erste Date, eine eigenständige An- und Abreise sowie Aufmerksamkeit im Umgang mit Getränken.
Digital sollten Standortfreigaben eingeschränkt und sensible Daten nicht im Profil hinterlegt werden.

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Die Rechte queerer Menschen stehen vielerorts auf der Welt unter massivem Druck. Während in einigen Staaten Fortschritte erzielt wurden, zeichnet sich insgesamt ein Rückschritt bei LSBTIQ*-Rechten ab, auch genannt „Rollback“, der die Lebensrealität vieler Menschen bedroht und globale Solidarität erfordert, warnt Amnesty-Experte Rupert Haag.

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Schwere Lage in Iran, Saudi-Arabien und Irak

Amnesty International verzeichnete in diesem Frühjahr einen Höchststand bei Hinrichtungen, wobei die drei Länder mit den extremsten Strafen für queere Menschen (Iran, Saudi-Arabien und Irak) besonders auffallen.

Im Irak hat ein neues homofeindliches Gesetz zu einer drastischen Verschärfung der Lage geführt: Behörden und politische Akteur*innen haben gezielte Hetzjagden auf queere Menschen gestartet, die oft ins Untergrund- oder Versteckleben gedrängt werden. Viele versuchen, das Land zu verlassen.

Im Iran verschärft das Regime im Zuge seiner Repressionen gegen Protestbewegungen auch die Unterdrückung queerer Aktivist*innen. Tausende wurden verhaftet, viele gefoltert oder getötet. Einige, wie die queere Aktivistin Zahra Sedighi-Hamadani, konnten nur durch internationale Unterstützung ausreisen.

In Saudi-Arabien hängt das Überleben queerer Menschen oft von finanziellen Mitteln ab: Wohlhabende können sich ein verstecktes Leben einrichten oder ausreisen, arme Menschen sind der Gefahr von Ausbeutung, Folter und Verhaftung ausgesetzt.

Die Entscheidung, die Fußball-Weltmeisterschaft 2034 nach Saudi-Arabien zu vergeben, zeigt für Haag, wie Sportgroßveranstaltungen in Ländern mit gravierenden Menschenrechtsverletzungen politische Botschaften der Gleichgültigkeit senden.

Ein globaler Trend zum Rückschritt

Während einige Staaten homosexuelle Handlungen entkriminalisieren, verstärken andere die Kriminalisierung queeren Lebens. Nach Einschätzung von Amnesty gibt es global kaum noch positive Entwicklungen: In Ländern wie Ungarn, Bulgarien oder der Slowakei werden Rechte eingeschränkt, und auch in den USA haben politische Kräfte begonnen, frühere Fortschritte zurückzudrängen.

Ein wesentlicher Faktor sei der strategische politische Aufbau queerfeindlicher Netzwerke, die darauf abzielten, erreichte Rechte systematisch wieder abzubauen.

Afrika: Einfluss externer Bewegungen und neue Bedrohungen

In Teilen Afrikas erschweren neue repressive Gesetze die Lage zusätzlich. In Uganda etwa führte langjährige Einflussnahme evangelikaler Gruppen aus dem Ausland zur Verabschiedung eines Anti-Homosexualitätsgesetzes mit Todesstrafe. Ähnliche Entwicklungen werden aktuell auch in Ghana und anderen ostafrikanischen Staaten beobachtet. Haag betont, dass europäische Regierungen Druck auf diese Parlamente ausüben und lokale, progressive Gemeinschaften stärken müssten, um diesem Trend entgegenzuwirken.

Was nötig ist: Globale Solidarität und politische Kraft

Angesichts dieser Entwicklungen ist laut Haag eine internationale Bündelung queerpolitischer Kräfte notwendig: Queere Lobbyarbeit, politische Einflussnahme und Kooperation zwischen NGOs und Staaten müsse stärker werden. Besonders wichtig sei es, staatliche Unterstützung für lokale Initiativen wieder auszuweiten, nachdem sie vielerorts zurückgefahren wurde.

Deutschland im Blick

Auch in Deutschland bestehen Herausforderungen. Die neue Bundesregierung wird kritisiert, weil im aktuellen Koalitionsvertrag wichtige Schutzmaßnahmen gegen Hassverbrechen fehlen. Zudem wurde ein Aufnahmeprogramm für gefährdete Menschen, darunter viele queere Geflüchtete, eingestellt, was ihre Situation weiter verschärft. Amnesty fordert daher, dass Deutschland und andere EU-Staaten mehr tun, um Schutz und Aufnahme zu gewährleisten.

Gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit

Haag macht deutlich, dass Diskriminierung und Gewalt nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften. Schutz vor Queerfeindlichkeit müsse Hand in Hand gehen mit Maßnahmen gegen Rassismus und andere Formen struktureller Diskriminierung. Gleichzeitig müsse klar signalisiert werden, dass Hasskriminalität streng verfolgt werde.

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Im Jahr 2026 stehen die Rechte queerer Menschen in Deutschland und Europa an einem kritischen Punkt. Zwar zeigt das aktuelle Rainbow-Map-Ranking von ILGA Europe, dass Deutschland im Vergleich zu 49 europäischen Ländern auf Platz 8 liegt, doch hinter dieser Zahl verbergen sich Ambivalenz und wachsende Unsicherheiten.

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Europa: Fortschritt und Gegenwind

Deutschland wurde zuletzt leicht nach oben gereiht, doch die Lage in Europa ist uneinheitlich: Nur 22 Länder ermöglichen die gleichgeschlechtliche Ehe und Transpersonen können in lediglich zwölf Staaten ihren Personenstand rechtlich ändern. Pride-Paraden und queere Veranstaltungen sind in mindestens 14 Ländern eingeschränkt oder werden offen angegriffen.

Zugleich warnt die internationale queere Bewegung vor einer Koordination globaler Rückschläge, die unter dem Deckmantel von „Tradition“ und „öffentlicher Stabilität“ Rechte zurücknehmen und Diskriminierung festigen wollen. Dieses Phänomen ist nicht auf einzelne Staaten beschränkt, sondern zeichnet sich in verschiedenen Regionen Europas ab.

Die EU-Strategie: Ambitioniert – aber umstritten

Die neue Gleichstellungsstrategie der EU (2026–2030) verspricht mehr Schutz für LGBTIQ+-Personen, Maßnahmen gegen Gewalt und Hass im Netz sowie inklusive Arbeitsbedingungen. Doch viele queere Organisationen kritisieren die EU dafür, in den vergangenen Jahren zu wenig bewirkt zu haben – symbolische Erklärungen statt wirksamer Politik.

Laut dem Ipsos LGBT+ Pride Report 2025 sinkt zudem die weltweite Akzeptanz queerer Menschen: Nur 47 % der globalen Bevölkerung unterstützen LGBTIQ+-Personen, und Anti-Diskriminierungsgesetze werden nur von rund 51 % befürwortet.

Deutschland im Spiegel Europas

Die Meinungen queerer Akteur*innen aus anderen EU-Ländern über Deutschland zeigen ein differenziertes Bild:

  • Schweiz: Deutschland gilt als rechtlich fortschrittlich – etwa durch die Ehe für alle und umfassende Gleichbehandlungsgesetze. Es gebe jedoch weiterhin Herausforderungen, etwa bei der Anerkennung queerer Elternschaft.
  • Belgien: Deutschland sei ein wichtiges Menschenrechtsland in Europa, habe aber politisch an Dynamik verloren. Der Rückzug aus früheren EU-Kooperationen sende ein negatives Signal für die Verteidigung queerer Rechte.
  • Großbritannien: Deutschland erscheine liberal und tolerant, doch einige sehen neue ideologische Spannungen, die nicht unbedingt progressiv seien. Zudem warnen sie vor gesellschaftlichen Veränderungen durch Einwanderungs- und Integrationsdebatten.

Gesellschaft und Politik in Deutschland

Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Deutschen weiterhin gleiche Rechte befürwortet: 78 % stehen einem allgemeinen Schutz vor Diskriminierung positiv gegenüber, 71 % unterstützen die Ehe für Schwule und Lesben. Doch bei konkreten Anti-Diskriminierungsgesetzen sinkt die Zustimmung auf 49 % und 18 % lehnen solche Gesetze ab.

Innerhalb Deutschlands ist die Stimmung ambivalent: Queere Kultur und Gemeinschaften sind sichtbar und vielfältig, doch politische Polarisierung und hetzerische Stimmen verunsichern viele LGBTIQ+-Personen.

Solidarität und Vernetzung als Schlüssel

Ein zentrales Thema im Austausch zwischen Community-Vertreter*innen ist die Notwendigkeit internationaler Solidarität. Queere Organisationen aus der Schweiz, Belgien, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich betonen, wie wichtig grenzüberschreitende Zusammenarbeit und gemeinsame Strategien gegen queere-feindliche Bewegungen sind. Insbesondere die Finanzierung zivilgesellschaftlicher Initiativen müsse gestärkt werden, um langfristig Rechte zu sichern.

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In Mecklenburg-Vorpommern ist ein bedeutender Schritt zur Verbesserung der Unterstützung für trans*, inter* und nichtbinäre Menschen (kurz: TIN*) gelungen: Mit der landesweiten Beratungs- und Bildungsstelle „TIN*MV“ hat erstmals eine spezialisierte Anlaufstelle ihre Arbeit aufgenommen. Der Hauptsitz befindet sich in Greifswald, wo das Modellprojekt unter der Trägerschaft des Landes aufgebaut wird. Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) hob bei der Eröffnung hervor, wie groß der Bedarf an Orientierung, Austausch und Unterstützung in Fragen der eigenen Identität und Lebenssituation sei. Viele Menschen seien mit persönlichen Herausforderungen konfrontiert, für die es bislang wenige fachlich spezialisierte Angebote gebe. Breites Beratungsangebot – kostenlos, vertraulich, barrierearm TIN*MV richtet sich nicht nur an trans, inter* und nichtbinäre Personen selbst, sondern auch an Menschen, die sich gerade mit ihrer geschlechtlichen Identität auseinandersetzen, an Angehörige, Freund*innen und Verbündete sowie an Fachkräfte aus pädagogischen, therapeutischen, medizinischen oder administrativen Bereichen. Das Angebot umfasst:
  • Einzelberatungen zu Themen wie geschlechtliche Vielfalt, Coming-Out, Transition oder De-Transition
  • Weiterbildungen und Sensibilisierungsangebote für Fachkräfte, um Kompetenzen im Umgang mit TIN*-Themen zu stärken
  • Vernetzung und Austausch mit queeren Akteur*innen und Initiativen in Mecklenburg-Vorpommern
Die Beratung ist kostenlos, vertraulich, barrierearm und auf Wunsch anonym – unabhängig davon, ob sie persönlich vor Ort oder digital in Anspruch genommen wird. Modellprojekt mit Landesförderung Das Projekt ist als dreijähriges Modellprojekt angelegt: Das Land Mecklenburg-Vorpommern stellt für die Jahre 2025 bis 2027 jährlich 140.000 Euro zur Verfügung, um Aufbau, Beratung und Bildungsangebote zu finanzieren. Teil dieser Förderung sind auch Mittel für eine begleitende Prozessberatung des Projekts. TIN*MV kooperiert darüber hinaus mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und fördert die Sichtbarkeit und Akzeptanz trans*, inter* und nichtbinärer Lebensrealitäten im gesamten Bundesland. Auf der offiziellen Website heißt es, man wolle ein niedrigschwelliges, barrierearmes und flächendeckendes Beratungsnetz schaffen und mit bestehenden Initiativen eng vernetzt arbeiten. Erste Schritte und Perspektiven Obwohl TIN*MV sich noch im Aufbau befindet und Strukturen sowie Online-Angebote weiterentwickelt werden, gibt es bereits erste Beratungsgespräche und positive Rückmeldungen. Das Projekt wird als sichtbares Zeichen für Vielfalt, Akzeptanz und Toleranz im Land verstanden. Mit Veranstaltungen, Austauschformaten und Schulungen soll zunehmend ein gesellschaftlicher Diskurs gefördert werden, der Wissen verbreitet, Vorurteile abbaut und Verständnis für diverse Lebensrealitäten schafft. TIN*MV bietet außerdem regelmäßige Beratungszeiten vor Ort in Greifswald an, mit zusätzlichen Terminen nach Vereinbarung, und freut sich über die Vernetzung mit queeren Gruppen sowie Unterstützer*innen im Land. Zur Website: https://tinberatung-mv.de/ Logo: TIN*MV [/spoiler]

Der LSBTIQ* Verein vielfalt.SH e.V. (ehemals SL-Veranstaltungen zur Förderung der Primärprävention e.V.) hat seinen Sitz in Flensburg. Er wirkt mit seinen Aktivitäten sowohl in der Stadt Flensburg als auch in den Kreisen Nordfriesland, Dithmarschen und Schleswig-Flensburg.

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So ist vielfalt.SH e.V.

  • Trägerverein
    • der Aidshilfe Nordfriesland,
    • des queeren Zentrums FLENSBUNT,
    • des Bildungsprojekts SCHLAU Flensburg,
    • des Landesnetzwerks SCHLAU Schleswig-Holstein und
    • von über 15 queeren Gruppen für Austausch und Selbsthilfe, sowie
  • Veranstalterin bzw. Kooperationspartnerin
    • der monatlichen Bar und Party Queers & Friends,
    • der Flensburger Rainbow Days,
    • des CSDs in Flensburg und
    • der monatlichen Queerfilmnacht.

„Mit diesen vielfältigen Projekten und Aktivitäten sind wir im Norden Schleswig-Holsteins vertreten. Wir unterstützen und leisten Peer-to-Peer Beratung bei allen Themen der sexuellen Gesundheit, geschlechtlichen, sexuellen und romantischen Vielfalt und Selbstbestimmung“, so Vorstandsvorsitzender Andreas Witolla.

Der ehrenamtliche Vorstand besteht aus Franziska Paulsen, Jörg Kobarg und Andreas Witolla. Im Projektteam arbeiten Alejandro Valdivia, Doro Bueschler, Leonie Schröpfer und Nic Thöne.

Kontakt: info@vielfalt.sh

Weitere Informationen zu vielfalt.SH e.V. finden sich auf der Website: www.vielfalt.sh

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Neben Büchern, Serien und Filmen gibt es inzwischen auch etliche Podcasts, die queere Geschichten und Stimmen ins Zentrum rücken. Hier stellen wir vier Podcasts vor, die in regelmäßigen Folgen über LSBTIQ*-Themen sprechen und so zu einer vielfältigen Repräsentation queerer Stimmen im Audioformat beitragen.

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Willkommen im Club – der queere Podcast von PULS

Im queeren Podcast von PULS (BR) sind mittlerweile fast 200 Folgen erschienen, die Themen aus der LSBTIQ*-Community aufgreifen. Die Hosts Sophia und Dimi sprechen offen und zugänglich über queere Lebensrealitäten – von historischen Blickwinkeln über persönliche Erfahrungen bis hin zu aktuellen Fragen rund um Identität, Liebe und Gesellschaft.

Between Dykes

Dan und Margo sprechen im Podcast „Between Dykes“ über Themen rund um Queerness, Nicht-Binarität und Trans*sein. Sie diskutieren unter anderem Begriffe wie FLINTA* und tauschen sich über die Bedeutung queerer Communities und Allyship aus. Außerdem teilen sie ihre persönlichen Erfahrungen und Gedanken, etwa zum Lesbisch-Sein oder zu Mastektomien, und geben Einblicke in ihre Beziehung.

Light On! Queere Kultur und Geschichte

Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universität Regensburg wird im recht neuen Podcast „Light On! Queere Kultur und Geschichte“ über Geschichte von LSBTIQ*-Personen gesprochen, die oft unsichtbar geblieben sind. Wissenschaftler*innen sprechen in den einzelnen Folgen über diverse (kultur-)geschichtliche Themen im Kontext queerer Lebenswelten.

Queer Voices Podcast

Élie Chevillet lädt im „Queer Voices Podcast“ jede Folge eine Person aus der LSBTIQ* Community ein, um verschiedene Facetten von Queerness zu beleuchten. Durch die Verbindung von sozialen Themen mit persönlichen und biografischen Perspektiven eröffnet der Podcast eine intersektionale Sicht auf queere Lebensrealitäten. Dabei sollen Stimmen zu Wort kommen, die auch innerhalb der queeren Gemeinschaft häufig weniger Sichtbarkeit erfahren.

 

Weitere Podcast-Empfehlungen haben wir in einem früheren Artikel zusammengestellt.

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Das Forum Queeres Archiv München e.V. forscht seit über 25 Jahren zur Geschichte von LSBTIQ* in München und Bayern und trägt damit zur Sichtbarmachung queerer Lebenswelten in Deutschland bei. Im folgenden Artikel werden der Verein und seine Arbeit vorgestellt.

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Im Jahr 1999 gründete sich der Verein zunächst unter dem Namen „forum homosexualität münchen – Lesben und Schwule in Geschichte und Kultur e.V.“ und sammelt und forscht seitdem zur queeren Geschichte in München und Bayern. Zum 20. Jubiläum wurde der Name modernisiert und in „Forum Queeres Archiv München e.V. – LesBiSchwulTransInter* in Geschichte und Kultur“ umbenannt.

Das Archiv versucht „die Lebenskultur von LGBTIQ* der vergangenen Jahrzehnte in München und der Region zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“. Darin enthalten sind zahlreiche Bücher, Poster und Filme, darunter auch Aufzeichnungen von Pride-Veranstaltungen und Demonstrationen. Ebenso beinhaltet das Archiv private Tagebücher und Fotoalben von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans* und inter* Personen, die der Verein als besonders relevant hervorhebt: Private Dokumente hätten „zu jeder Zeit außergewöhnliche Bedeutung und sind es wert, als Zeugnisse bewahrt zu werden“.

Es werden regelmäßig Führungen durch das Archiv angeboten. Im digitalen queeren Archiv sind zudem einige ausgewählte Dokumente online verfügbar – zum Beispiel eine Zeitschrift für lesbische und trans Frauen in der Weimarer Republik Die Freundin.

Zu den aktuellen Projekten des Archivs gehören unter anderem die Erforschung der lesbischen Kneipengeschichte in München, eine Forschungsgruppe zum Maler Paul Hoecker sowie die Vorstellung von bayerischen LGBTIQ* Persönlichkeiten in Steckbriefen.

Besonders zu empfehlen ist auch die Münchner LGBTIQ*-Chronik, die „Landmarken der LGBTIQ*-Geschichte und -Emanzipation“ in München und darüber hinaus enthält. Diese reichen vom ersten Beleg für die Verfolgung Homosexueller im 14. Jahrhundert zur Gründung schwuler Clubs in den 1920ern, der Verfolgung von LGBTIQ*-Personen im Nationalsozialismus. Sie beinhaltet auch Daten emanzipatorischer Momente der Lesben- und Schwulenbewegung in der Nachkriegszeit sowie zeitgenössische Meilensteine der queeren Szene in der bayerischen Hauptstadt.

Die Ergebnisse der Arbeit des Queeren Archiv München werden auch in diversen Publikationen bereitgestellt. Zudem veranstaltet der Verein regelmäßig Events zum Thema.

Logo: Forum Queeres Archiv München

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Die Debatte um eine neue Wehrpflicht in Deutschland wirft auch für queere Menschen wichtige Fragen auf. In einem Interview mit queer.de macht der Verein QueerBw, die Interessenvertretung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans-, inter- und queeren Angehörigen der Bundeswehr, deutlich, dass Sicherheitspolitik und Gleichberechtigung zusammen gedacht werden müssen.

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Hintergrund ist das seit 2026 geltende neue Wehrpflicht-Modell: Alle jungen Männer müssen sich registrieren und Angaben zu ihrer Wehrdiensttauglichkeit machen, Frauen können freiwillig teilnehmen. Ziel ist es, die personelle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zu stärken, ohne sofort zu einer verpflichtenden Einberufung zurückzukehren. Eine tatsächliche Dienstpflicht soll erst greifen, wenn sich nicht ausreichend Freiwillige finden.

Für queere Menschen ist diese Entwicklung eng mit der Frage verbunden, wie offen und diskriminierungsfrei die Bundeswehr heute tatsächlich ist. Im Interview mit queer.de betont QueerBw, dass Homosexualität und andere queere Identitäten in der Bundeswehr lange Zeit mit Benachteiligung verbunden waren. Noch bis ins Jahr 2000 galten homosexuelle Soldaten offiziell als Sicherheitsrisiko. Diese Vergangenheit wirke bis heute nach und müsse aktiv aufgearbeitet werden.

Gleichzeitig sieht QueerBw deutliche Fortschritte. Queere Soldat*innen seien heute sichtbarer, Netzwerke und Ansprechstellen existierten, und die rechtliche Gleichstellung sei weitgehend erreicht. Dennoch bestehe weiterhin Handlungsbedarf: Gerade im Zuge einer möglichen Ausweitung der Wehrpflicht müsse sichergestellt werden, dass queere Menschen ohne Angst vor Ausgrenzung oder queerfeindlichen Übergriffen dienen können. Schutzkonzepte, Sensibilisierung und klare Ansprechpersonen seien dafür unverzichtbar.

Die Diskussion um die neue Wehrpflicht betrifft queere Menschen damit nicht nur abstrakt, sondern ganz konkret in ihrer Lebensrealität. QueerBw macht deutlich, dass die Bereitschaft, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzustehen, auch davon abhängt, ob diese Werte innerhalb der Bundeswehr selbst gelebt werden. Gleichberechtigung, Respekt und Sicherheit für homosexuelle und andere queere Soldat*innen seien keine Nebenthemen, sondern eine zentrale Voraussetzung für Akzeptanz und Engagement.

Logo: QueerBw

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