Echte Vielfalt

Aufklärung und Bildung

Der Historiker Benno Gammerl hat mit dem Buch „Anders Fühlen“ die erste umfassende (Emotions)Geschichte von Homosexualität in der Bundesrepublik veröffentlicht. Gammerl beschreibt die Lebenswelten von schwulen und lesbischen Menschen seit den 1950er Jahren unter dem Schwerpunkt ihrer Gefühlswelten.

Weiterlesen

Ausführlich kommen auch Zeitzeug*innen zu Wort, die der Autor für seine Studie in sogenannten Oral History Interviews befragt hat. Zu zum Beispiel auch Frau Schmidt. Diese berichtet in dem Buch über ihre Erfahrungen als „Politlesbe“: „Ich werd jetzt 65. Ich bin, war sehr engagiert auch in der Szene und hab ganz viel aufgebaut in E. Ich bin ’ne Politlesbe, sag ich jetzt mal so salopp. Also ich hatte auch so ’nen Ruf, dass ich ’ne Mackerfrau wär, weil ich mich gegenüber Männern sehr energisch durchsetzen konnte. Ich hab auch ein sehr ausgeprägtes Rechtsbewusstsein. Wenn mir Unrecht geschieht, dann kann ich ziemlich wütend werden.“

Das Buch nimmt die Position ein, dass Gefühle, in Empfindungen und im Ausdruck, von sozialen und kulturellen Kontexten geprägt sind. Gammerl ordnet die Gefühle seiner Protagonist*innen also in einen zeitgeschichtlichen Kontext ein. Drei große Kapitel und Epochen strukturieren das Buch: "Nachkriegsdekaden: Ausweichen", die 1970er-Jahre: Aufbrechen!" sowie "1980er-Jahre: Ankommen". Der Autor betont jedoch, dass diese Periodisierung nicht einer eindeutig linearen Entwicklung von Emanzipation zuzuordnen ist.

Das Wichtigste, so berichtet Gammerl in einem Interview, sei für ihn die Gleichzeitigkeit von Stigmatisierung, Emanzipation und Normalisierung darzustellen. Es habe sich vieles zum Guten verändert, doch nach wie vor gebe es Ausgrenzung. Es gelte, sich mit der Komplexität unterschiedlicher Gefühlslagen auseinanderzusetzen. Außerdem sei es ihm als schwulem Historiker auch ein persönliches Anliegen gewesen, zu dem Themenfeld zu arbeiten.

Eine positive Rezension zum Buch ist in der Süddeutschen Zeitung erschienen: „Die Fülle der Lebensentwürfe, die hier zur Sprache kommen, ist atemberaubend und kaum resümierbar. Man kann das Buch überall aufschlagen und eintauchen. Lesbische Mütter und schwule Väter gab es längst vor den neuen Patchworkfamilien, lebenslange Partnerschaften selbstverständlich vor der Einführung der ‚Ehe für alle‘“.

Schließen

 

Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre gründeten sich in Deutschland mehrere „Proll-Lesbengruppen“. Lesben, die z.B. in Arbeiter*innenfamilien oder auf Bauernhöfen aufgewachsen waren, organisierten sich in kleinen Gruppen und wirkten in die Frauen- und Lesbenbewegung hinein.

Weiterlesen

Die „Prolosesben“ oder „Prolllesben“ schufen ihre Selbstbezeichnung als Begriff, um ihre Klassenherkunft in Abgrenzung zu bürgerlichen Lesben deutlich zu machen.

Die Entstehung der Proll-Lesbengruppen ist eingebettet in eine historische Entwicklung in der Frauen- und Lesbenbewegung, innerhalb derer Differenzen zwischen verschiedenen Frauen sichtbar gemacht wurden. So bildeten gleichzeitig zum Beispiel auch schwarze oder migrantische Frauen eigene Gruppen und Netzwerke.

In ihren eigenen Kleingruppen betrieben die Frauen Selbsterfahrung und tauschten sich über Ausgrenzungserfahrungen in der politischen Szene aus. Martina Witte, die selbst Mitglied einer solchen Gruppe war, berichtet in einem Aufsatz darüber: „In den Prolo-Lesbengruppen wurden nun konkrete Unterschiede, welche die soziale Herkunft betrafen, benannt und untersucht. Durch den Austauschzeigte sich, dass Strukturen der Abwertung, der Ausgrenzung, der

Verleugnung und dergleichen hinsichtlich sozialer Herkunft allen aus der Gruppe bekannt waren.“

Innerhalb der Frauen- und Lesbenbewegung boten die Aktivist*innen der Prololesben auf Veranstaltungen Workshops an oder beteiligten sich mit Texten und Flyern an Debatten. Eine Gruppe richtete ein „Umverteilungskonto“ ein: Darauf konnten besser situierte Lesben einzahlen, und ärmere Lesben anonym Geld abheben. An der Organisation der Lesbendemo im Jahr 1990, die mit über 1000 Teilnehmer*innen besucht wurde, waren Proll-Lesben ebenfalls beteiligt.

Schließen

 

Bifeindlichkeit bezeichnet die Diskriminierung bisexueller Menschen. Sie kann sich in negativen Einstellungen, Vorurteilen oder Handlungen ausdrücken, die sich gegen bisexuelle Menschen als eine soziale Gruppe oder als Individuen richten.

Weiterlesen

Bisexuelle Menschen können auch von Homofeindlichkeit betroffen sein, erfahren aber auch andere Diskriminierung als Schwule und Lesben. Gemeinsamkeit zwischen Bifeindlichkeit und Homofeindlichkeit ist dann die Ablehnung von Nicht-Heterosexualität. Es ist auch möglich, bifeindlich zu sein, ohne jedoch homophob zu sein. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn man der Meinung ist, dass Menschen entweder homo- oder nur heterosexuell zu sein haben. Dies wird manchmal auch als Monosexismus bezeichnet.

Es gibt einige negative gesellschaftliche Vorurteile und Klischees gegenüber bisexuellen Menschen. Dazu gehört etwa verwirrt zu sein (und dies nicht immer nur in Bezug auf die eigene Sexualität) zu sein, und die damit zusammenhängende Forderung, sich endlich mal entscheiden zu müssen. Ein weiteres Vorurteil ist, dass es sich nur um eine Phase handelt, in der sich eine Person nur ausprobiere, oder gar, dass die Person nur einem Trend folge.  Weitere Vorurteile sind, dass bisexuelle Personen automatisch häufig wechselnde Geschlechtspartner*innen hätten, oder nicht-monogam lebten. Gerade bisexuelle Frauen gelten in der sexistischen Vorstellung einiger Männer als grundsätzlich sexuell verfügbar. Dies mag auch mit ein Grund sein, dass bisexuelle Frauen überdurchschnittlich oft sexualisierte Gewalt erleben.

Bisexuelle Menschen outen sich weniger als homosexuelle Personen, sind stärker von häuslicher Gewalt betroffen und haben zum Beispiel in Kanada oder Australien seltener Erfolg beim Erlangen eines Flüchtlingsstatus.

Bifeindliche Einstellungen kann es jedoch auch in der queeren Community selbst geben, etwa wenn lesbische oder schwule Menschen Bisexualität nicht ernst nehmen und nicht als eigenständige sexuelle Identität akzeptieren. Teilweise wird auch die Bindungsfähigkeit von bisexuellen Personen in Frage gestellt und herrscht die Angst, dass ein*e bisexuell(e) Partner*in seine/ihre(n) homosexuelle(n) Partner*in für eine heterosexuelle Alternative wieder verlässt. Insbesondere gegen bisexuelle Männer kann von schwulen Männern das Vorurteil geben, dass diese „eigentlich schwul“ seien, und diese auf Grund der Stigmatisierung oder noch nicht bereit sind, offen homosexuell zu leben.

Immer wieder wird auch von Bisexuellen kritisiert, dass sie und ihre Orientierung in der Community unsichtbar gemacht werden. Wird die Existenz von Bisexualität geleugnet, wird von bisexual erasure (englisch: „bisexuelle Verdrängung/Löschung“) gesprochen.

Die Vorurteile und mangelnde Akzeptanz gegenüber Bisexualität in der Mehrheitsgesellschaft aber auch in der queeren Community können dazu führen, dass sich einige bisexuelle Menschen innerlich zerrissen fühlen und ihre Sexualität verleugnen. Auch leiden bisexuelle Menschen häufiger an psychischen Erkrankungen als heterosexuelle oder homosexuelle Menschen. Wie eine australische Studie herausfand, kann auch dies auch mit „internalisierter Bifeindlichkeit“ zusammenhängen, da bisexuelle Menschen eher ein Problem damit haben können, ihre Sexualität zu akzeptieren.

In Deutschland engagiert sich das Bisexuelle Netzwerk für mehr bisexuelle Sichtbarkeit und Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema. Der Verein listet auf seiner Webseite Stammtische und bisexuelle Gruppen auf und bietet auch eine Telefonberatung an.

Schließen

 

Das „Archiv der anderen Erinnerungen“ ist ein Projekt der Bundestiftung Magnus Hirschfeld und dokumentiert mit biographischen Videointerviews die Lebensgeschichten von queeren Menschen aus der BRD und der DDR, die unter anderem durch den Paragraphen 175 betroffen waren.

Weiterlesen

Ziel der Initiative ist es, die (historischen) Lebenswelten von LSBTIQ zu bewahren und auch für zukünftige Generationen sichtbar zu machen.  Dabei steht die Frage im Zentrum, auf welche Weise die persönliche Lebensgeschichte mit Fragen der sexuellen Orientierung oder der geschlechtlichen Identität verbunden ist. Die konkreten, persönlichen und unterschiedlichen Erfahrungen der befragten Personen sollen das Spektrum der LSBTIQ-Geschichte erweitern.

Das Team des Projektes besteht aus freien Mitarbeiter*innen verschiedener Hintergründe und unterschiedlicher sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identitäten. Alle vereint das Interesse für die vergangene, gegenwärtige und zukünftige Lebenssituation von LSBTIQ.

Im Dezember 2013 wurde mit der Durchführung der Videointerviews begonnen. Bislang sind 57 Interviews entstanden. Forscher*innen können nach einer Anfrage das Material für ihre Forschungsvorhaben nutzen.

Schließen


Der Begriff Intersektionalität (englisch: Intersectionality) geht auf das englische Wort „intersection“, zu Deutsch Kreuzung oder Schnittpunkt, zurück. Mit dem Konzept Intersektionalität wird die Analyse der Überschneidungen und des Zusammenwirkens von verschiedenen Diskriminierungsformen bezeichnet.

Weiterlesen

Dahinter steht die Idee, dass eine Person von mehreren Diskriminierungsformen oder mehreren Formen sozialer Ungleichheit betroffen sein kann. So wird z.B. eine schwarze lesbische Frau, nicht nur als Lesbe, sondern auch als Frau und als schwarze Person diskriminiert. Die verschiedenen Diskriminierungserfahrungen lassen sich dabei nicht einfach nur addieren, sondern entsteht eine spezifische Form der Unterdrückung.

Bereits in den 70ger Jahren forderten schwarze Feministinnen, dass verschiedene Formen der Differenz zwischen Frauen politisch relevant sind, um ihre Lebenslage als besonders marginalisierte Gruppe zu verstehen. So kritisierte das Combahee River Collective, eine Gruppe schwarzer lesbischer Frauen, dass ihre Situation weder in der schwarzen antirassistischen Bewegung noch in der weiß geprägten Frauenbewegung angemessen beachtet wurde.

Anfang der 90er Jahre prägte dann die amerikanische Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw schließlich den Begriff der „Intersectionality“. Crenshaw benutzt das Bild einer Verkehrskreuzung, um Mehrfachdiskriminierung zu symbolisieren. Aus allen vier Richtungen kommt der Verkehr, und er kann in verschiedene Richtungen fließen. Wenn es zu einem Unfall kommt, kann ein Auto oder auch mehrere Autos dafür verantwortlich sein, die aus verschiedenen Richtungen kamen. Genauso werde eine schwarze Frau auf Grund von Sexismus diskriminiert, oder auf Grund von Rassismus als Schwarze aber auch gleichzeitig als schwarze Frau.

Inzwischen ist das Konzept der Intersektionalität zu einem der einflussreichsten Ansätze in der Geschlechterforschung geworden. Auch in politischen Zusammenhängen sozialer Bewegungen wird es zunehmend verwendet. Inzwischen kommen auch, je nach Kontext, weitere Diskriminierungsformen und Differenzen wie etwa Alter, Behinderung und Nationalität ins Spiel.

Schließen


Vater-Mutter-Kind: Das war lange Zeit das war lange Zeit die einzige Form, in der Familie gelebt werden konnte. Doch die Existenz von Regenbogenfamilien mit gleichgeschlechtlichen Elternpaaren macht nun immer mehr deutlich -  die „normale“ Familie gibt es nicht.

Weiterlesen

Das gilt auch für die Frage, ob sich die Eltern in einer Familie eigentlich immer lieben müssen oder wie viele (soziale) Eltern ein Kind haben kann.  Auch die Soziologie hat angefangen, sich dafür zu interessieren. Christine Wimbauer, Soziologin, forscht zu Co-Elternschaft/Co-Parenting. So wird eine Form der Elternschaft genannt, in der die Elternteile keine romantische Beziehung Liebesbeziehung miteinander führen. Das Modell der Co-Elternschaft findet zunehmend Verbreitung und stellt bisherige Vorstellungen von romantischer Zweierbeziehung und Familie in Frage.

In einem Interview mit der TAZ erklärt Wimbauer, dass für die Kindererziehung die Liebe zu den Kindern am wichtigsten sei, und nicht die romantische Liebe zwischen den Eltern und zieht einen Vergleich zu traditionellen Familien:  „Selbst bei traditionellen Elternpaaren wissen Sie ja nicht, ob sich die beiden nun unbedingt lieben oder nicht. Trotzdem können sie selbstverständlich gemeinsam Kinder erziehen – und sicherlich auch gut erziehen“.

Genau genommen gibt es Co-Parenting schon länger, etwa wenn sich Elternpaare scheiden lassen und dann Stiefeltern dazukommen. Neuer ist jedoch das Phänomen der geplanten Co-Elternschaft. Auch queere Menschen nutzen das Modell der Co-Elternschaft, wie Wimbauer in ihrer Studie schreibt: „Man kann hier verschiedene Konstellationen aufzählen: Seien es homosexuell orientierte Menschen, die gemeinsam eine Queer Family gründen, etwa das lesbische Paar, das mit einem befreundeten oder erst noch zu findenden (eventuell) schwulen Mann oder Männerpaar eine Familie gründet und sie dann zu dritt oder zu viert Co-Eltern in einer Mehrelternfamilie sind.“

Rechtlich sind in Deutschland allerdings bisher nur Familien mit zwei Personen als Eltern möglich. So schreibt Wimbauer, dass „schon die Frage beim medizinischen Personal nach der Erkrankung des Kindes […] rechtlich für soziale Co-Eltern nicht abgesichert“ sei.   Das mache die Eltern in Co-Parenting-Familien zu „Alltagsjongleur*innen, da die faktische Sorgearbeit ja meist geteilt werden soll und wird.“

Das Buch von Christine Wimbauer mit dem Titel „Co-Parenting und die Zukunft der Liebe“  ist im Transcript-Verlag erschienen und kann OpenAccess als PDF heruntergeladen werden.

Schließen


Die Lage für LGBT-Personen und -Aktivist*innen in Russland verschärft sich zunehmend. Insbesondere die Politik der Regierung und die Russisch Orthodoxe Kirche haben Einfluss auf ein wachsendes homo- und transfeindliches gesellschaftliches Klima. Neben Gewalt gegen LGBT müssen LGBT-Aktivist*innen Angst vor Angriffen bei Auftritten in der Öffentlichkeit haben und ihre Arbeit wird durch rechtliche Kriminalisierung verunmöglicht.

Weiterlesen

In der damaligen Sowjetunion gab es zunächst keine LGBT-Bewegung und war Homosexualität verboten. Im Zuge der Systemtransformation wurde 1993 Homosexualität entkriminalisiert und führte zu einem Entstehen der LGBT-Bewegung. In den letzten Zwanzig Jahren kam es dann in Russland zu einem Erstarken der Bewegung und der Gründung neuer LGBT-Organisationen. In einigen Bereichen wuchs die Akzeptanz gegenüber LGBT, zum Beispiel in Teilen der Medienlandschaft und in der Popkultur.

Trotzdem waren und sind die Einstellungen gegen LGBT-Personen in der Bevölkerung weiterhin negativ. Pride-Paraden oder Protestveranstaltungen riefen immer wieder starke homophobe Reaktionen hervor. Konservative Politik und Kirche fordern seit einigen Jahren die Bewahrung „traditioneller Werte“.  Die kulturellen Werte der Nation seien bedroht und müssten vor Einfluss des Westens geschützt werden. Die Zunehmende Ablehnung gegenüber LGBT führte schließlich 2013 zur Verabschiedung eines Gesetzes gegen „homosexuelle Propaganda“.  LGBT-Veranstaltungen und -Projekte werden seitdem unter dem Vorwand des Kinderschutzes verboten. Auch hatte das Gesetz eine Selbstzensur von Medien und weiteren Akteur*innen zur Folge, die ihre Berichterstattung oder Thematisierung von LGBT-Themen einschränkten. Eine weitere dramatische Konsequenz ist die Zunahme von Diskriminierung und Hassverbrechen gegenüber LGBT. In diesem Zusammenhang dient das Gesetz den homophoben Täter*innen unter anderem als Rechtfertigung. Die Opfer solcher Taten gehen aus Angst für weiterer Erniedrigung oder Gewalt oft nicht zur Polizei.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bestätigt in einem Bericht, dass das Gesetz die bestehende Feinseligkeit gegenüber LGBT verstärke und den Zugang zu Aufklärungs- und Hilfeangeboten, insbesondere für Jugendliche, blockiere.

Die russische Regierung verabschiedete außerdem weitere Gesetze, die insgesamt oppositionelle Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen in ihren Rechten einschränken und ihre Arbeit erschwerten. Auch die Verschärfung des Versammlungsrechtes gehört dazu.

Beispielhaft für die politische Verfolgung von LGBT-Aktivist*innen steht die Aktivistin Julia Tsvetkova. Die lesbische Feministin, Künstlerin und LGBT-Aktivistin ist wegen der Veröffentlichung von Zeichnungen mit feministischen und LGBT-Motiven Repressionen ausgesetzt, stand deswegen bereits unter Hausarrest und wurde zu Geldstrafen verurteilt. Wegen einer feministischen Zeichnung mit nackten Frauen wird sie nun beschuldigt, illegal Pornographie verbreitet zu haben. Ihr droht eine mehrjährige Haftstrafe in einem Straflager.  Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International stufen sie als politisch Verfolgte ein. In einem Interview mit der Zeitschrift Siegessäule sagte Julia zu ihrem Fall: „Für viele Menschen im Westen ist es schwer vorstellbar, dass man im 21. Jahrhundert angeklagt werden kann, weil man sagt, dass Frauenkörper schön und stark sind und den Frauen selbst gehören. Wenn ich verurteilt werden sollte, werde ich definitiv nicht aufgeben und meinen Fall zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bringen.“

Es ist nicht überraschend, dass eine zunehmende Zahl an LGBT-Personen auf Grund der beschriebenen Entwicklungen ins Ausland und auch nach Deutschland migriert. Der Verein Quarteera, ein Zusammenschluss russischsprachiger queerer Menschen in Deutschland, setzt sich unter anderem für sie ein. Außerdem engagiert sich die Initiative gegen Homophobie in der russischen Community in Deutschland.  

Schließen


Homofeindlichkeit bzw. Homophobie gehört zu den Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Darunter versteht man die Abwertung oder Ausgrenzung von Menschen auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe.

Weiterlesen

Diese kann sich auch in Gewalthandlungen ausdrücken. Weitere Formen sind Sexismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist ein zentrales Element rechtsextremer Einstellungen.

Der Soziologie und Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer, der zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit forscht, definiert diese folgendermaßen:  „Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten der Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.“

Nicht nur Personen fremder Herkunft, so Heitmeyer, können im Rahmen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Feindseligkeiten erfahren, sondern diese kann sich auch auf Personen beziehen, deren Lebensweise als von der Normalität abweichend interpretiert wird.

Zentral ist dabei die Idee der Ungleichwertigkeit von Menschengruppen. Dabei stehen oftmals Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ausprägungen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Feindselige Einstellungen liegen oft nicht nur gegen eine Gruppe, sondern gegen mehrere Gruppen vor. Heitmeyer bezeichnet dies als „Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“.

Zur Erklärung, warum es zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit kommt, werden in den Sozialwissenschaften verschiedene Theorien angewendet. So wird untersucht, inwieweit die Entstehung menschenfeindlicher Einstellungen mit Bildung, Beziehungen in der Familie oder Persönlichkeitseigenschaften zusammenhängt und welche ökonomischen und gesellschaftlichen Faktoren sich darauf auswirken.

Durch diese Zusammenhänge wird auch klar, dass Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit veränderbar ist, da soziale Bedingungen zu ihrem Entstehen beitragen: „Das Ausmaß von Vorurteilen, Abwertungen, Diskriminierungen und Gewalt ist keine Naturkonstante, sondern abhängig von gesellschaftlichen Verhältnissen“ so Heitmeyer.

Schließen


Ein Forschungsprojekt untersuchte erstmals systematische juristische Diskriminierung lesbischer Mütter in der Nachkriegszeit Westdeutschlands.

Weiterlesen

Gerichte der Bundesrepublik entzogen Müttern bis mindestens in die 1980er Jahre ihre Kinder – wenn bekannt wurde, dass die Mütter lesbisch lebten. Dies führte auch dazu, dass Frauen die Existenz einer Partnerin verbargen. Die erste historische Studie zu dem Thema hat nun erstmals einen Teil dieser Unrechtsgeschichte aufgearbeitet. In Auftrag gegeben wurde sie vom Land Rheinland-Pfalz. Die rheinland-pfälzische Frauenministerin Anne Spiegel stellte die Untersuchung mit dem Titel „…in ständiger Angst…“ im Januar diesen Jahres vor und entschuldigte sich für das entstandene Unrecht: „Die Forschungsergebnisse zeigen, dass Frauen, die sich scheiden ließen, um in einer Liebesbeziehung mit einer Frau zu leben jahrzehntelang das Sorgerecht entzogen wurde. Die Studie deckt strukturelle Diskriminierungen lesbischer Mütter bis zum Jahr 2000 auf. Das ist bedrückend und beschämend zugleich“ so Spiegel.

Die Studie, legt auch Gründe dar, die zu der Diskriminierung lesbischer Mütter führten. Dazu gehören, dass die gesellschaftlichen Erwartungen in den 50er, 60er und 70er Jahren an Frauen waren, sich als Ehefrau und Mutter ausschließlich der Familie zu widmen. Auch das bis 1977 gültige Schuldprinzip im Scheidungsrecht führte dazu, dass schuldig geschiedene Ehepartner*innen den Unterhalt verloren. Außerdem galt damaligen Wertvorstellungen gemäß eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft für das Kindeswohl als bedenklich.

Verantwortlich für die Forschungsarbeit war die Historikerin Dr. Kirsten Plötz, welche die Studie für das Institut für Zeitgeschichte und die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld durchführte. Sie befragte für die Studie auch betroffene Zeitzeug*innen, die sich bereit erklärt hatten in Interviews über ihre schmerzhaften Erfahrungen zu berichten. Im einem Interview mit dem Deutschlandfunk erläutert sie die Schwierigkeiten im Forschungsprozess, da kaum offizielle Quellen vorhanden sind. „Wir haben ein unglaubliches Quellenproblem“, so Plötz dazu. Sie betont auch, wie erst 1984 erstmals gerichtlich entschieden wurde, dass die Bindung und die Versorgung des Kindes wichtig seien und das Kind bei einer offen lesbisch lebenden Mutter belassen werden konnte. „Es gab eine Veränderung, aber sehr langsam“, kommentiert Plötz.

Schließen


Vor kurzem hat Echte Vielfalt einen Artikel darüber geschrieben, was es bedeutet Nicht-Binär, Bigender, Genderqueer, oder Genderfluid zu sein – also eine Erfahrung von Geschlechtsidentität (Gender) zu haben, die nicht einfach männlich oder weiblich ist. So haben manche Menschen ein Gender, welches Elemente aus der männlichen und weiblichen Kategorie mischt; manche identifizieren sich mit gar keinem von beiden; und für manche kann sich Gender im Laufe der Zeit oder tagesformabhängig verändern. Nun geht es darum, wie man als cisgeschlechtliche Person nicht-binäre Identitäten respektieren und nicht-binäre Personen im Alltag und in Interaktionen unterstützen kann.

Weiterlesen

Dabei gilt zuerst, dass es kein volles und genaues Verständnis einer nicht-binären Geschlechtsidentität braucht, um zu respektieren, dass diese genauso echt und beachtenswert ist wie die eigene Cis-Geschlechtsidentität (das heißt sich mit dem Gender identifizieren, welches einem bei der Geburt zugewiesen wurde): Hierbei kann es helfen sich bewusst zu machen, dass das eigene Cisgender für eine nicht-binäre Person genauso unverständlich sein mag. Glücklicherweise ist Verständnis aber eben keine Voraussetzung für Respekt.

Dieser Respekt kann auch gezeigt werden, indem man eine nicht-binäre Person bei dem Namen nennt, mit dem sie sich vorstellt. Dies ist ein kritischer Aspekt, da bei der Geburt gegebene Namen oft ein binäres Geschlecht implizieren und das variante Gender der jeweiligen Person nicht reflektieren. Deswegen sollte man auch nie nach dem „alten“ Namen einer Person fragen – er hat keine Relevanz. Außerdem sollte man versuchen keine Annahmen über das Gender einer Person zu machen, sondern einfach nachfragen – auch nach den Pronomen, mit denen eine Person angesprochen werden will (lesen Sie hier warum): Die Geschlechtsidentität einer Person ist nicht sichtbar, und auch eine Person, die von der Gesellschaft als entweder Mann oder Frau gelesen wird, kann ein nicht-binäres Gender haben. Die Nutzung selbstausgesuchter Namen und Pronomen ist daher einer der einfachsten und wichtigsten Wege Respekt zu zeigen.

Denn nicht-binäre Personen werden ständig mit Situationen konfrontiert, in denen ihr Gender nicht berücksichtigt wird: Allein die Nutzung öffentlicher Toiletten, die oft in Männer- und Frauen-Klos geteilt sind, kann beispielsweise eine Herausforderung darstellen. Sie können sich dabei durch den Zwang zu einer Entscheidung sehr unwohl fühlen und sogar unsicher, wenn sie verbal oder sogar körperlich angegriffen werden.

Daher gilt langfristig – natürlich neben der Verteidigung und Unterstützung von nicht-binären Personen im Falle angreifenden Verhaltens – die gesellschaftliche Anerkennung der Tatsache, dass es mehr als nur männlich und weiblich gibt. Seit 2019 wird dies vom deutschen Personenstandsrecht berücksichtigt – nun muss es jedoch auch im Alltag sichtbar werden, beispielsweise eben durch genderneutrale öffentliche Toiletten oder der Abschaffung von „Damen“ und „Herren“ Abteilungen in Kleidergeschäften.

Denn für echte Vielfalt in der Gesellschaft ist es wichtig, dass nicht-binäre Personen so leben und sich kleiden können wie sie wollen, und dabei ihr Gender im Arbeits-, Schul-, Uni- und jedem anderen öffentlichen Kontext respektiert wird – und im Privaten sowieso.

Schließen